Wie ist es eigentlich in Serbien?

Wir alle haben sicher das ein oder andere vorurteilsbehaftete Bild im Kopf, wenn wir an Serbien denken. Dorthin in den Urlaub fahren? Sicher auch nicht die erste Wahl für die meisten. Nach meiner Reise dort muss ich sagen: Wie jedes Land dieser Welt hat Serbien einen ganz eigenen Charme, den man allerdings nur erleben kann, wenn man sich offen darauf einlässt.

Im Folgenden ein paar Eindrücke.

Auf dem Land fallen sofort überraschend stattliche, hübsche Anwesen ins Auge – nur hin und wieder eines der heruntergekommenen Bauernhäuser, die man hier eigentlich zuhauf erwartet hätte. Allerdings trügt der Schein des Wohlstands. Denn derartige Häuser hätten niemals mit den geringen serbischen Gehältern finanziert werden können; vielmehr entstanden sie Dank der Gelder, die von Familienmitgliedern aus dem Ausland bereitgestellt wurden. Doch vor allen Häusern, egal ob groß oder klein, verwittert oder modern sprießen bunte Blumen, Gemüsebeete und üppige Obstbäume in großzügigen Gärten. Entlang der Straße sitzen serbische Bauern neben prall gefüllten Säcken voll roter Paprika oder Kartoffeln aus eigenem Anbau, die sie verkaufen wollen. Auf weitläufigen Feldern fallen überall aufgeschichtete Heuhaufen ins Auge und nicht selten überholt man einen kleinen Trecker, der im Schritttempo mit hoch beladenem Anhänger die Straße entlang tuckert. Obenauf thront hin und wieder die Bäuerin und winkt einem zu. Vorbei geht die Fahrt an Straßenhunden, die hier und da in der Sonne liegen – man mag kaum hinsehen. Daneben türmt sich der Müll; achtlos aus dem Auto in die wunderschöne Natur, in die dichten Wälder geworfen. Der viele Plastikmüll ist kaum verwunderlich – schließlich wird beim Einkaufen gefühlt um jedes Produkt mindestens eine Plastiktüte gewickelt. Der Motor des Autos wird sowieso laufen gelassen. „Wir haben irgendwie den Kontakt zu unserer Landschaft verloren“, bedauert ein passionierter Fotograf mit traurigen Augen mitten im Tara Nationalpark. In der glutroten Abendsonne sieht man in der Ferne den Fluss Drina gitzern, dahinter beginnt bereits Bosnien und Herzegowina. Schweigend bückt er sich nach zwei Cola-Flaschen und einer leeren Chipstüte am Boden und lässt sie in einem schon prall gefüllten Müllsack verschwinden.

In den Städten weht einem in den Fußgängerzonen der Duft von salzigem Popcorn um die Nase: Schon für 30 Dinar gibt es eine Tüte. Auch ein Mittagessen wie eine Art frittierten Crêpe, reich gefüllt mit Pilzen, Creme Fraîche und Schinken gibt es mit Getränk schon für umgerechnet 3-4 Euro – ein günstiges Paradies für Westeuropäer. Zum Frühstück schlürft man dicken türkischen Kaffee und genießt ein Omlette mit Schinken, dazu Brot und Frischkäse. Vegetarier haben es in Serbien nicht leicht, denn die serbische Küche ist besonders fleischhaltig; gerne in großen Mengen und unfassbar günstig. Grundsätzlich wird die Mahlzeit zudem begleitet von einer wabernden Wolke aus Zigarettenqualm von den Nebentischen, denn Rauchen ist hier überall erlaubt. Jedenfalls macht es jeder.

Balkanbeats schallen aus dem Radio des Taxifahrers und aus dem lärmigen Nebenraum des Restaurants. Durch die kyrillische Schrift kann man weder Schilder noch Menüs lesen – echtes Fremdheitsgefühl. Anschluss gibt es dafür durch Begegnungen mit freundlichen und unglaublich hilfsbereiten Serben. Dass sie oft kaum ein Wort Englisch sprechen ist dabei kein Hindernis: Dann muss eben der Freund eines Freundes angerufen oder kurz besucht werden, der ein paar Worte Englisch kann und dolmetscht. Kein Problem, Zeit hat man hier genug.

Und dann ist da noch Belgrad, die geheime Partymetropole, in der man sich gut ein paar Tage (unfreiwillig) verlieren kann – und sich, wenn man es richtig anstellt, bei der Eröffnung einer serbischen Insider-Bar wiederfindet, wo man gemeinsam mit Besitzern und Managern verschiedene Arten Rakija probiert.

Živeli!

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Wie ist es eigentlich in Serbien?

  1. Wie immer ein interessanter Bericht aus einem faszinierendem Land.
    Sehr schön geschrieben, läd zum Nachdenken ein.
    Bilder eindrucksvoll, tolle Stimmung.
    Rundrum gelungen.

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