Wie ist es eigentlich auf São Vicente und Santo Antão?

Nach meinen Reiseleitungen auf Santiago, Fogo und Brava war ich neugierig geworden: Wie sieht es eigentlich auf den anderen kapverdischen Inseln aus? Die drei Südinseln sind bereits hinsichtlich Landschaft, Menschen und Kultur so kontrast- und artenreich, dass ich es kaum erwarten konnte, weitere der Inseln kennenzulernen.

So blieb ich drei Wochen auf São Vicente und Santo Antão und erlebte zwei Inseln, die gegensätzlicher nicht sein könnten:

Auf ersterer erlebt man viel Wüste und Wind sowie die quirlige Kulturhauptstadt Mindelo, während man auf der zweiten saftig grüne Täler und verschlafenes Kleinstadtleben antrifft.

 

São Vicente

 

Quem mostra‘ bo esse caminho longe?
Quem mostra‘ bo esse caminho longe?
Esse caminho pra São Tomé

Sodade sodade
Sodade dessa minha terra, São Nicolau

Cesária Évoras „Sodade“ oder andere ihrer Songs sind gefühlt an jeder Ecke zu hören, ob live in einem der zahlreichen Cafés gecovert oder aus einem Lautsprecher auf die Straßen schallend. Die zweitgrößte Stadt der Kapverden Mindelo ist sichtlich stolz, Herkunftsstadt der berühmtesten Sängerin es Landes zu sein. Besonders beim Palácio do Povo, dem ‚Pink Palace‘, in dem eigens ein Museum für die Berühmtheit eingerichtet worden ist, ist die stete Präsenz der 2011 verstorbenen Sängerin nach wie vor spürbar.

Schlendert man nur ein paar Meter weiter durch die engen Gassen der kleinen Innenstadt Mindelos, vorbei an gut besuchten Cafés, bunten Shops und zahlreichen Bars, erreicht man schnell den Praça Estrela, auf dem sich das Marktleben abspielt: Marktfrauen rufen einem Preise zu, wedeln mit frischem Obst und Gemüse aus familiärem Anbau oder bieten süße Kleinigkeiten an, die sie in großen Kisten auf dem Kopf über den weitläufigen Platz transportieren. Von hier fahren auch die Aluguers, die Sammeltaxis, die einen für 50-150 CVE in die verschiedenen Buchten der Insel bringen. Natürlich wird erst losgefahren, wenn das Aluguer (mehr als) voll besetzt ist, sodass man hier wirklich auf Tuchfühlung mit Einheimischen kommt und während der Fahrt nicht selten ein kapverdisches Kind auf dem Schoß hat. Zudem sind die Aluguer-Fahrten eine perfekte Möglichkeit, um aktuelle kapverdische Musik kennenzulernen, da die Fahrer gerne ihre eigenen Playlists aufdrehen.

 

 

Wie die Bilder schon andeuten, hält São Vicente mit seiner kargen und steinigen Wüstenlandschaft eher weniger Highlights für Wanderer bereit, trotzdem lohnt es sich aber zum Beispiel in die Baía das Gatas (‚Katzenbucht‘) zu fahren und dort den langen leeren Sandstrand entlangzuspazieren, der einen über den Praia Grande nach Calhau führt.

 

 

Santo Antão

Mit der Fähre ist man nach einer knappen Stunde schnell auf Santo Antão (übrigens einer meist ruhigeren Überfahrt als es im Süden oft der Fall ist). Auf der Ostseite der Insel erwartet einen ein wahres Wanderparadies mit saftig grünen Tälern voll gut und raffiniert bewässertem landwirtschaftlichem Anbau, was nach den Wüstenlandschaften São Vicentes besonders unwirklich erscheint. Vila das Pombas, Ribeira Grande sowie (mein Favourit) Ponta do Sol bieten sich allesamt hervorragend mit vielen Unterkünften an.

Von Ribeira Grande starten die Aluguers zu den verschiedenen Dörfchen, von denen die vielen atemberaubenden Wanderungen beginnen, wie zum Beispiel im Paúl Tal, die Küstenwanderung von Cruzinha nach Ponta do Sol, Xoxo nach Corda, Corda nach Coculi oder von Espongeiro nach Coculi. Eigentlich gibt es zahlreiche Aluguers auf der Insel – das wird einem schon bei der Ankunft am Hafen in Porto Novo klar. Fast wie ein Celebrity fühlt man sich dort, wenn sich quasi hundert Aluguer-Fahrer um einen reißen und die verschiedenen Ziele entgegenbrüllen, sobald man den ersten Schritt aus dem Hafengebäude macht.

Zu dem gewünschten Dorf sollte es daher (fast) immer ein Aluguer geben… – trotzdem spielen die Fahrer aber ganz gerne mal ein Spielchen (bevorzugt mit vermutlich ahnungslosen Touristen), das ‚uhh, esta muito difficil‘ heißt. Es sei sehr schwierig ein Aluguer zu finden, schließlich sei Sonntag (alternativ Samstag, Donnerstag, Dienstag) und um diese Uhrzeit? Dorthin? Quasi unmöglich. Man solle doch besser ein Taxi nehmen. Dass dies natürlich zehnmal teurer ist als ein Sammeltaxi ist kein Zufall. Aber nicht verzagen: Es gibt in aller Regel ein Aluguer, oft zwischen zehn und zwölf Uhr. Einfach weitersuchen und es mit Humor nehmen – die Fahrer wollen schließlich auch nur ihr Geld verdienen.

Hat man das gewünschte Aluguer dann (häufig nur wenige Meter weiter) gefunden, beginnt ein zweites Spiel, das ‚vamos mais ou menos agora‘ genannt werden könnte – wir fahren mehr oder weniger jetzt los. Zunächst wird lange auf diese und jene Person gewartet, dabei die Tür vielsagend zu- und wieder aufgemacht, das Auto gestartet und vor- und wieder zurückgesetzt. Wenn es dann endlich losgeht, werden erstmal noch mehrere Runden durch Ribeira Grande gedreht, um eventuell noch mehr Leute einzusammeln sowie diverse Einkäufe abzuholen – die Aluguer-Fahrer fungieren nämlich häufig auch als Lieferanten für die umliegenden Dörfer. Für Westeuropäer mag diese Prozedur von Außen sehr langwierig und chaotisch wirken und dennoch scheint alles auf seine Weise zu funktionieren.

Und gerade solche Eigenheiten sind es doch, die ein Land liebenswürdig machen.

Ist man dann endlich am Ausgangspunkt der Wanderung angekommen und begibt sich hinab oder hinauf in eines der vielen Täler, wird man für seine Geduld mit unfassbaren Ausblicken auf die grünen Landschaften mehr als belohnt. Zudem lernt man schnell, dass die Einheimischen vielleicht gerne kleine Spielchen spielen, letztendlich aber mehr als hilfsbereit sind. So zeigen sie einem unterwegs liebend gern den Weg (der oft wenig markiert ist) oder lesen den verirrten Wanderer sogar von der Straße auf, um ihn zurück nach Ribeira Grande zu bringen.

Erholung von solchen Wanderstrapazen und -abenteuern findet man gegenüber auf der Westseite Santo Antãos. Hier bietet die Insel eher trockene ‚Mondlandschaften‘ sowie ruhigere Badebuchten wie Tarrafal.

Bei einem selbstgemachten fruchtigen Ponche mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem glitzernden Meer lässt sich die Reise auf den zwei aufregenden Inseln doch perfekt ausklingen…

 

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